Wir feiern Menschen, die alles aushalten. Und nennen es Stärke.
Dabei ist es oft nur ein gut trainiertes Ignorieren der eigenen Grenzen.
„Sei resilienter“ ist zur höflichen Art geworden, Überlastung beim Einzelnen abzuladen – statt zu fragen, was im System schiefläuft. Nicht die 60-Stunden-Woche ist dann das Problem, sondern deine mangelnde Widerstandskraft. Nicht die chronische Unterbesetzung, sondern dein Umgang damit.
Das ist bequem. Denn ein Mensch, der an sich arbeiten soll, stellt keine unbequemen Fragen an die Struktur.
Resilienz als Deckmantel: Wenn Durchhalten zur Dauerbelastung wird
Verstehe mich nicht falsch: Resilienz ist eine wertvolle Ressource. Gemeint war sie als Fähigkeit, nach Belastung wieder in Balance zu kommen – so wie ein Bambus sich im Sturm biegt und danach wieder aufrichtet.
Aber genau da liegt der Haken: danach. Erholung setzt voraus, dass die Belastung auch mal aufhört.
Wenn sie das nicht tut, ist „resilient sein“ nur ein anderes Wort für: durchhalten, bis es nicht mehr geht. Aus einer Ressource für Ausnahmesituationen wird ein Dauerzustand. Und aus einem Schutzmechanismus wird ein Werkzeug, um Dauerbelastung zu normalisieren.
Überlastung am Arbeitsplatz: Der bequeme Denkfehler der Individualisierung
In Unternehmen begegnet mir dieses Muster immer wieder. Ein Team ist chronisch überlastet – und die Antwort ist ein Resilienztraining. Eine Führungskraft steht kurz vor dem Ausbrennen – und bekommt den Rat, besser auf sich zu achten.
Beides klingt fürsorglich. Beides kann sinnvoll sein. Aber beides lenkt den Blick weg von der eigentlichen Frage: Welche Belastungen sorgen eigentlich dafür, dass diese Menschen so viel aushalten müssen?
Wer Resilienz predigt, aber die Ursachen ignoriert, züchtet sich seine eigenen Ausfälle heran. Erst die stillen – die, die innerlich schon gegangen sind. Dann die lauten – Krankmeldungen, Kündigungen, Burnout. Beides ist teuer. Und beides war vermeidbar.
Selbstcheck: Liegt die Überlastung an dir – oder am System?
Die ehrliche Antwort: meistens ist es beides. Aber es gibt Anhaltspunkte, die dir helfen, genauer hinzuschauen.
Es spricht für ein individuelles Thema, wenn die Belastung situativ ist und wieder abklingt. Wenn Kolleginnen und Kollegen mit denselben Bedingungen gut zurechtkommen. Wenn du merkst, dass alte Muster – Perfektionismus, Nicht-Nein-sagen-können, alles selbst machen wollen – die Belastung verstärken.
Es spricht für ein strukturelles Thema, wenn die Überlastung dauerhaft ist und kein Ende absehbar. Wenn reihenweise Menschen im selben Umfeld ausfallen oder gehen. Wenn Erholung gar nicht möglich ist, weil Pausen, Urlaube und Feierabende regelmäßig nicht respektiert werden.
Im ersten Fall hilft Arbeit an dir – Coaching, Selbstführung, neue Strategien. Im zweiten Fall hilft keine noch so gute Atemübung. Da hilft nur, das System zu verändern – oder es zu verlassen.
Gesunde Führung: Wie du als Führungskraft Resilienz wirklich förderst
Wenn du führst, hast du eine doppelte Verantwortung. Für dich selbst und für die Bedingungen, unter denen dein Team arbeitet.
Die bessere Frage an dein Team ist deshalb nicht: „Wie werdet ihr widerstandsfähiger?“
Sondern: „Was müsst ihr hier eigentlich ständig aushalten und warum? Und was braucht ihr gerade in dieser Situation?“ „Was hilft wirklich?“
Das ist unbequemer. Denn die Antworten betreffen oft Dinge, die du mitgestaltet hast: Prioritäten, die keine sind, weil alles Priorität hat. Meetings, die Zeit fressen statt Klarheit schaffen. Eine Erreichbarkeitskultur, die du selbst vorlebst. Aber genau in dieser Unbequemlichkeit beginnt echte Führung, nicht im nächsten Resilienz Workshop.
Grenzen setzen statt durchhalten: Was echte Stärke bedeutet
Echte Stärke ist nicht, mehr auszuhalten. Echte Stärke ist, ehrlich zu sagen: Bis hierhin und keinen Schritt weiter, ohne dass sich etwas ändert.
Das gilt für dein Team. Und es gilt für dich.
Ich nehme das selbst ernst: Diesen Sommer gönne ich mir eine längere Auszeit. Nicht, weil nichts zu tun wäre. Sondern weil Erholung kein Zeichen von Schwäche ist, sondern die Voraussetzung dafür, dauerhaft wirksam zu sein.
Dabei muss es nicht immer eine längere Auszeit sein – natürlich ist die auch zwischendurch wichtig – sondern die wahrhaftige Resilienz entsteht jeden Tag im Alltäglichen.
Wenn du gerade merkst, dass du mehr aushältst, als dir guttut und herausfinden willst, was davon an dir liegt und was an deinem Umfeld, dann lass uns sprechen.
Leiten mit Herz. Führen mit Verstand. Wirkung bewusst gestalten.